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21.11.2010, 15:25

Von Jerusalem nach Safed – Rassismus ist auf dem Vormarsch

Gush Shalom ,


Ein zweites Mal in einem Monat versammelten sich
Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler heute am 7.11 2010, um gegen
die Welle von Rassismus zu protestieren, die das Land überflutet. Auch
dieses Mal fand sie gegenüber dem Gebäude statt, in dem David Ben Gurion
die Gründung des Staates Israel verkündete und die
Unabhängigkeitserklärung vorlas, die Freiheit und Gleichheit für alle
Bürger versprach, „unabhängig von Religion, Rasse und Geschlecht.“



In der nicht-Parteien-Demo überwiegten die Blauhemden der
Jugendbewegung. Sefi Rachlevsky, einer der Organisatoren, drückte die
Unterstützung der Demonstranten für die Schauspieler und
Schauspielerinnen aus, die sich weigerten, am nächsten Tag an der
Gala-Vorstellung in der Siedlung Ariel teilzunehmen. Die Exministerin Shulamit Aloni sagte, dass das Wort „jüdisch“ in
keinem Gebet mehr erscheint – in allen Gebeten würde nur das Volk Israel
erwähnt werden. „Dies ist ein israelischer und kein jüdischer Staat
mehr“, erklärte sie.

Professor Mordechai Kremnitzer, Vizepräsident des israelischen
Instituts für Demokratie, sagte, dass immer mehr Gerichtsurteile des
Obersten Gerichts von der Regierung ignoriert werden – eine Tatsache,
die das demokratische System des Landes untergräbt.

Der Schriftsteller Yoram Kaniuk verkündete, dass er nächste Woche
zum Innenministerium gehen wolle, um sich als „religionslos“
registrieren zu lassen, nachdem kürzlich ein Gesetz angenommen wurde,
nach dem nur noch religionslose Bürger zivil heiraten dürften.

Die Sprecher der Jugendbewegung versprachen, dass ihre 100 000
Mitglieder gemeinsam für einen demokratischen Zionismus kämpfen würden –
gegen die rassistische Welle, die das Land zu überrollen droht.

Das Exmitglied der Knesset Uri Avnery erzählte, dass er als Kind in
Deutschland Zeuge war, wie der Rassismus zur Macht gekommen war: „Ich
will dies nicht noch mal erleben und dieses Mal in dem Staat, den ich
mit aufbauen half.“

„Als 9Jähriger war ich Zeuge, wie die Nazis hochkamen …. Es war
nichts Dramatisches dabei. Es änderte sich fast nichts übernacht. Nur
langsam, mit kleinen Schritten kam der Rassismus in das Leben des
normalen Bürgers. „Kauf nicht beim Juden!“ „Vermietet keine Wohnungen an
sie!“ „Gebt ihnen keine Arbeit!“

Am Eingang von Dörfern und Städten erschienen Schilder, auf denen stand: „Dieser Ort ist judenrein!“ Dann kamen die Nürnberger Gesetze, die Deutschen erließen ein Verbot, Juden zu heiraten. Was danach kam, ist wohl allen bekannt. Als ich 1948 als einfacher Soldat am Krieg teilnahm, um den Staat zu
schaffen, habe ich mir nicht im Traume vorstellen können, dass ich noch
mal Zeuge eines solchen Prozesses werde und diesmal im eigenen Staat. Schritt um Schritt taucht Rassismus in unserm Leben auf. Der
Oberrabbineer von Safed verbietet, Wohnungen an arabische Studenten zu
vermieten. Wir zahlen das Gehalt dieses Rabbiners und deshalb sind wir
mit verantwortlich für das, was er sagt.

Rabbi Ovadia Josef, der Führer von Hundert Tausenden, wiederholt diese religiöse Botschaft.

Der stellvertretende Bürgermeister von Carmiel rief auch die
Bewohner auf, keine Wohnungen an Araber zu vermieten, und forderte dazu
auf, ihm solche Fälle zu melden. Er stellte auch eine Gemeinde-Militia
auf, die am Abend an den Eingängen des Ortes darauf achtet, dass kein
Araber den Ort betritt. Nachdem wir dies veröffentlichten, wurde er aus
dem Gemeinderat geschmissen, und ein Mitglied aus Liebermans Partei
wurde statt seiner eingestellt. In Carmiel ist Lieberman ein gemäßigter.

Ein neues Gesetz ermöglicht einem „Zulassungskomitee“, dass in 700
israelischen Orten keine Araber leben. Schilder sind nicht nötig: dieser
Ort ist araberrein.. Man muss nicht deutsch können, um dies zu
verstehen und was in diesem Land geschieht. Jede Woche kommen Gesetze heraus, die uns an die Nürnberger Gesetze erinnern. Unser Wagen rast den Hang hinunter. Wie ein Wagen ohne Bremsen. In
der Knesset gibt es kaum eine Opposition dagegen. Die Arbeiterpartei,
die schon vor langem aufgehört hat, zum Friedenslager zu gehören, fällt
zur Seite. Die Kadima Partei versucht Netanyahu rechts zu überholen.
Tatsächlich haben ihre Mitglieder die haarsträubendsten rassistischen
Gesetzesentwürfe unterzeichnet. Aber wem geben wir dafür die Schuld? Wir können nur uns selbst anklagen. Wo ist das Friedenslager? Wo sind die Massen vom Rabin-Platz? Wo ist die Linke? Worte sind wichtig – aber wir können den Faschismus nicht mit Worten allein stoppen. Aktionen sind nötig. Die mutigen Schauspieler, die ihren Lebensunterhalt riskieren und sich weigern, in Ariel zu spielen, sind ein Vorbild. Jeder von uns müsste handeln, jeder an seinem Platz und alle von uns zusammen. Wir müssten jetzt eine politische Kraft schaffen, um gegen den
Rassismus und den Faschismus zu kämpfen, eine Kraft, die Frauen und
Männer vereinigt, Juden und Araber, Ashkenazim und Orientalen. Wenn wir
dies nicht tun, wird uns die Geschichte hart verurteilen, als
Helfershelfer des Verbrechens. „Vater, wo warst du?“ „Mutter, wo bist du gewesen?“

Hier in diesem Gebäude wurde der Staat Israel gegründet. Nun sind wir aufgerufen, ihn zu retten.!“

(dt.Ellen Rohlfs)
http://www.arendt-art.de/deutsch/palesti…m_vormarsch.htm
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